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Chevy Stevens: Still Missing - Kein Entkommen Fischer-Verlag, Januar 2011 Wissen Sie, Doc, Sie sind nicht die erste Therapietante, der ich gegenübersitze, seit ich wieder zu Hause bin. Mein Hausarzt hatte mir einen Therapeuten empfohlen, gleich nachdem ich wieder da war, aber das war echt ein totaler Reinfall. Der Typ hat tatsächlich versucht, so zu tun, als wüsste er nicht, wer ich bin. So ein Idiot! Man müsste blind und taub sein, um es nicht zu wissen. Bevor die ganze Sache passiert ist, hat kein Mensch unsere Insel gekannt. Wenn Sie sie jetzt erwähnen, wette ich mit Ihnen, dass dem anderen dazu als Erstes einfällt: "Ist da nicht diese Frau entführt worden?" Lassen Sie uns gleich noch etwas klarstellen, ehe wir uns ins Vergnügen stürzen. Wenn wir das hier durchziehen wollen, dann machen wir es auf meine Art. Das bedeutet: keine Fragen von Ihnen. Nicht einmal ein hinterlistiges kleines "Wie fühlen Sie sich, wenn ". Ich erzähle die Geschichte von Anfang an, und wenn ich hören will, was Sie dazu zu sagen haben, werde ich es Sie wissen lassen. Ach, und für den Fall, dass Sie sich fragen, ob ich schon immer so eine Zicke war? Nein. An jenem ersten Sonntagmorgen im August döste ich ein bisschen länger im Bett als gewöhnlich, während mein Golden Retriever, Emma, mir ins Ohr schnarchte. Ich hatte nicht oft Gelegenheit zum Faulenzen. Nach einer Woche Regen schien endlich die Sonne, und es war warm genug, dass ich mein Lieblingskostüm anziehen konnte. Es war pastellgelb und aus superweichem Stoff. Mein Haar war gerade frisch geschnitten, so dass es perfekt mit meinem Kinn abschloss. Ich warf noch einen letzten Blick in den Spiegel im Flur, um sicherzustellen, dass ich keine grauen Haare bekommen hatte ich bin letztes Jahr erst zweiunddreißig geworden, aber bei schwarzen Haaren tauchen die Mistdinger ziemlich früh auf , pfiff mir selbst anerkennend zu und tätschelte Emma zum Abschied. Manche Leute klopfen auf Holz, ich klopfe auf Hunde. Dann ging ich raus. Das Einzige, was ich an diesem Tag zu tun hatte, war eine Open-House- Besichtigung. Das Wetter war schön, und ich hätte mir gerne den Tag freigenommen, aber die Besitzer, ein nettes deutsches Ehepaar, wollten so schnell wie möglich verkaufen. An der Tankstelle an der Ecke machte ich halt, um mir einen Kaffee und ein paar Zeitschriften zu holen. Meine Mom liebt diese Schundblätter, aber ich kaufe sie nur, um etwas zu tun zu haben, falls niemand zur Besichtigung kommt. Auf einem der Cover war das Bild einer armen vermissten Frau abgebildet. Ich betrachtete ihr lächelndes Gesicht und dachte, sie hat einfach nur ihr Leben gelebt, und jetzt glaubt jeder, alles über sie zu wissen. Bei der Besichtigung war nichts los. Ich schätze, die meisten Leute haben das gute Wetter ausgenutzt, so wie ich es auch hätte tun sollen. Zehn Minuten, bevor offiziell Schluss war, begann ich meinen Kram zusammenzupacken. Als ich nach draußen ging, um die Flyer im Kofferraum zu verstauen, rollte ein neuerer hellbrauner Van heran und parkte direkt hinter meinem Wagen. Ein älterer Typ, vielleicht Mitte vierzig, kam lächelnd auf mich zu. "Mist, Sie packen schon ein! Geschieht mir ganz recht ich warte immer bis zur letzten Minute. Würde es Ihnen große Umstände bereiten, wenn Sie mich noch einmal kurz herumführten?" Eine Sekunde lang erwog ich, ihm zu sagen, dass er zu spät gekommen sei. Ich wollte nach Hause, und außerdem musste ich noch einkaufen, aber während ich zögerte, stemmte er die Hände in die Hüften, trat ein paar Schritte zurück und betrachtete die Vorderfront des Hauses. "Wow!" Ich musterte ihn rasch. Seine Khakis waren perfekt gebügelt, das gefiel mir. Meine Version vom Bügeln bestand darin, die Klamotten im Trockner zu ruinieren. Einen Moment lang fragte ich mich, warum er eine Jacke trug, selbst wenn sie fast nichts wog. Seine Laufschuhe waren strahlend weiß, und er trug eine Baseballkappe mit dem Logo des örtlichen Golfclubs auf dem Schirm. Wenn er in diesem Club Mitglied war, hatte er eine Menge Geld. Zu einer Open-House-Besichtigung kamen hauptsächlich Nachbarn oder Leute auf ihrem Sonntagsausflug, aber als ich einen Blick auf den Van warf, sah ich das Lokalblättchen mit den Immobilienanzeigen auf dem Armaturenbrett liegen. Zum Teufel, ein paar Minuten mehr würden mich schon nicht umbringen. Ich schenkte ihm ein breites Lächeln und sagte: "Natürlich macht es mir nichts aus, dafür bin ich ja hier. Mein Name ist Annie OSullivan." Ich streckte meine Hand aus, doch als er auf mich zukam, um sie zu schütteln, stolperte er über eine Gehwegplatte. Um nicht auf die Knie zu fallen, stützte er sich mit den Händen auf dem Boden ab, Hintern nach oben. Ich wollte ihm helfen, aber er sprang schon wieder auf, lachte und wischte sich den Dreck von den Händen. "O mein Gott, tut mir leid. Haben Sie sich weh getan?" Die großen blauen Augen in dem offenen Gesicht strahlten mich amüsiert an. Er hatte Lachfalten in den Augenwinkeln und gerötete Wangen. Grübchen rahmten sein breites Grinsen und die geraden weißen Zähne ein wie Anführungszeichen. Es war das aufrichtigste Lächeln, das ich seit langer Zeit gesehen hatte, ein Gesicht, dessen Lächeln man einfach erwidern musste. Er verbeugte sich theatralisch und sagte: "Ich weiß schon, wie man einen bühnenreifen Auftritt hinlegt, was? Gestatten, ich bin David." Ich deutete einen Knicks an und sagte: "Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, David." Wir lachten beide, und er sagte: "Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar und verspreche, dass ich nicht allzu viel Ihrer Zeit in Anspruch nehmen werde." "Machen Sie sich keine Sorgen sehen Sie sich um, solange Sie möchten." Ich führte ihn hinein und quatschte ihn über das Haus voll. Es war im typischen Westküstenstil errichtet, mit gewölbten Decken, Verkleidungen aus Zedernholz und einem tollen Blick auf den Ozean. Während er mir folgte, machte er so begeisterte Kommentare, dass ich mir vorkam, als sähe ich das Haus ebenfalls zum ersten Mal. "In der Anzeige stand, das Haus sei erst zwei Jahre alt, aber das Bauunternehmen wurde nicht erwähnt", sagte er. "Es war eine Firma aus dem Ort, Corbett Construction. Sie bieten mehrere Jahre Gewährleistung das gilt natürlich auch für dieses Haus." "Großartig! Man kann nie vorsichtig genug sein bei diesen Baufirmen. Heutzutage kann man den Menschen nicht mehr vertrauen." "Wann, sagten Sie, wollen Sie einziehen?" "Ich habe noch gar nichts gesagt, aber ich bin flexibel. Wenn ich gefunden habe, wonach ich gesucht habe, werde ich es wissen." Ich erwiderte seinen Blick, und er lächelte. "Wenn Sie einen Immobilienfinanzierer brauchen, kann ich Ihnen einige empfehlen." "Danke, aber ich würde bar zahlen." Das wurde ja immer besser. "Ist der hintere Garten eingezäunt?", fragte er. "Ich habe einen Hund." "Oh, ich liebe Hunde. Was für einen haben Sie?" "Einen Golden Retriever, erstklassiger Stammbaum, und er braucht eine Menge Auslauf." "Das verstehe ich vollkommen. Ich habe auch einen Goldie, und sie wird ungnädig, wenn sie nicht genug rauskommt." Ich öffnete die Glasschiebetür, um ihm den Zaun aus Zedernholz zu zeigen. "Wie heißt Ihr Hund?" In der Sekunde, in der ich auf seine Antwort wartete, merkte ich, dass er zu dicht hinter mir stand. Etwas Hartes bohrte sich in meinen Rücken. Ich versuchte, mich umzudrehen, aber er packte mein Haar und riss meinen Kopf so schnell und schmerzhaft zurück, dass ich glaubte, er würde mir ein Stück Kopfhaut abreißen. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen, und das Blut dröhnte im Kopf. Ich wollte um mich treten, davonrennen irgendetwas tun , aber ich konnte meine Beine nicht bewegen. "Ja, Annie, das ist eine Waffe, also hör bitte gut zu. Ich werde dein Haar loslassen, und du wirst schön ruhig bleiben, während wir hinaus zu meinem Van gehen. Und ich möchte, dass du weiterhin so hübsch lächelst, während wir das tun, okay?" "Ich ich " Ich bekomme keine Luft. Eine tiefe, ruhige Stimme direkt an meinem Ohr sagte: "Atme, Annie." Ich füllte meine Lungen mit Luft wie eine Ertrinkende. "Und jetzt atme ganz ruhig und langsam wieder aus." Ich atmete langsam aus. "Noch einmal." Ich konnte den Raum wieder klar sehen. "Braves Mädchen." Er ließ mein Haar los. Alles schien in Zeitlupe abzulaufen. Ich spürte, wie die Waffe gegen meine Wirbelsäule drückte, als er mich damit vorwärtsstieß. Vor sich hin summend, schob er mich zur Vordertür hinaus und die Treppe hinunter. Auf dem Weg zu seinem Van flüsterte er mir ins Ohr: "Entspann dich, Annie. Pass gut auf, was ich dir sage, und wir werden gut miteinander auskommen. Und vergiss nicht zu lächeln." *** Als ich aufwachte, wunderte ich mich, warum mein Hund nicht neben mir lag. Dann machte ich die Augen auf und sah einen weißen Kissenbezug. Meine waren gelb. Ich setzte mich so hastig auf, dass ich fast ohnmächtig wurde. In meinem Kopf drehte sich alles, und beinahe hätte ich mich übergeben. Mit weitaufgerissenen Augen und gespitzten Ohren, um mir keinen Laut entgehen zu lassen, überprüfte ich meine Umgebung. Ich befand mich in einer Blockhütte von vielleicht fünfzig Quadratmetern, und den größten Teil davon konnte ich vom Bett aus überblicken. Er war nicht da. Doch meine Erleichterung hielt nur wenige Sekunden an. Wenn nicht hier, wo war er dann? Ich konnte einen Teil des Küchenbereichs sehen. Vor mir stand ein Holzofen, und links davon entdeckte ich eine Tür. Ich glaubte, es sei Abend, aber ich war mir nicht sicher. Die beiden Fenster rechts vom Bett hatten Läden oder waren zugenagelt. Ein paar Deckenleuchten waren eingeschaltet, und eine weitere Lampe war an die Wand beim Bett montiert. Mein erster Impuls war, in die Küche zu rennen und nach irgendeiner Art Waffe zu suchen. Aber die Wirkung von dem Zeug, das er mir gespritzt hatte, war noch nicht verflogen. Meine Beine hatten sich in Wackelpudding verwandelt, und ich knallte auf den Boden. Ich lag ein paar Minuten still, dann kroch ich weiter und zog mich schließlich hoch. Die meisten Schubladen und Schränke selbst der Kühlschrank hatten Vorhängeschlösser. Auf die Arbeitsplatte gestützt, durchwühlte ich die einzige Schublade, die ich öffnen konnte, aber ich fand keine tödlichere Waffe als ein Geschirrtuch. Ich holte ein paarmal tief Luft und versuchte, irgendwelche Hinweise darauf zu finden, wo ich war. Meine Armbanduhr war weg, es gab keine Uhr und keine Fenster, so dass ich nicht einmal sagen konnte, welche Tageszeit wir hatten. Weil ich nicht wusste, wie lange ich bewusstlos gewesen war, hatte ich auch keine Ahnung, wie weit ich von zu Hause weg war. Mein Kopf fühlte sich an, als hätte ihn jemand in einen Schraubstock gespannt. Ich schwankte zu der äußersten Ecke zwischen Bett und Wand, zwängte mich, so weit es ging, hinein und starrte auf die Tür. Ich hatte das Gefühl, stundenlang in der Ecke dieser Hütte zu kauern. Mir war total kalt, und ich konnte nicht aufhören zu zittern. Jede Sekunde, die der Psycho so nannte ich ihn im Stillen mich länger allein ließ, malte ich mir immer brutalere Tode aus. Wer würde meiner Mom die Nachricht überbringen, wenn man meinen verstümmelten Leichnam fand? Was, wenn meine Leiche nie gefunden wurde? Ich holte tief Luft und versuchte, mich auf die anderen Fakten zu konzentrieren. Er war nicht hier, und ich lebte immer noch. Irgendjemand musste mich bald finden. Ich ging zur Spüle und hielt meinen Kopf unter den Wasserhahn, um etwas zu trinken. Doch bevor ich einen Schluck nehmen konnte, hörte ich den Schlüssel im Schloss zumindest hielt ich das Geräusch dafür. Als sich die Tür langsam öffnete, setzte mein Herzschlag aus. Der Psycho hatte die Baseballkappe abgesetzt. Sein Haar war wellig und blond, die Miene vollkommen unbewegt. Ich musterte seine Gesichtszüge. Wie hatte er es geschafft, mir sympathisch zu sein? Die untere Lippe war voller als die obere, was ihm einen leichten Schmollmund verlieh, aber davon abgesehen sah ich nur ausdruckslose blaue Augen und ein nettes Gesicht. Aber es war die Art von Gesicht, die man zuerst gar nicht richtig wahrnimmt, geschweige denn wiedererkennt. Als sein Blick auf mich fiel, blieb er stehen, und sein ganzes Gesicht begann zu lächeln. Ich sah einen vollkommen anderen Mann vor mir. Da kapierte ich, dass er zu den Leuten gehörte, die sich aussuchen können, ob sie bemerkt werden oder nicht. "Wie schön, du bist aufgestanden! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, ob ich dir vielleicht zu viel gegeben habe." Mit federnden Schritten kam er auf mich zu. Ich rannte zurück in die hinterste Ecke der Hütte neben das Bett und kauerte mich zusammen. Abrupt blieb er stehen. "Warum versteckst du dich?" "Wo zum Teufel bin ich?" "Ich verstehe, dass du wahrscheinlich noch nicht hundertprozentig wiederhergestellt bist, aber geflucht wird hier nicht." Er ging zur Spüle. "Ich hatte mich auf unsere erste gemeinsame Mahlzeit gefreut, aber du hast leider das Abendessen verschlafen." Er nahm einen Schlüsselring aus der Tasche, sperrte einen der Schränke auf und nahm ein Glas heraus. "Ich hoffe, du hast keinen allzu großen Hunger." Er ließ das Wasser eine Weile laufen und füllte das Glas. Er drehte den Hahn zu, wandte mir das Gesicht zu und lehnte sich an die Arbeitsplatte. "Ich kann die Regel für das Abendessen nicht missachten, aber ich bin bereit, heute nicht ganz so streng zu sein." Er hielt das Glas in die Höhe. "Dein Mund muss ziemlich trocken sein." Sandpapier war weicher als meine Kehle in diesem Moment, aber von ihm würde ich nichts annehmen. Er schwenkte das Glas. "Es geht doch nichts über kaltes Quellwasser aus den Bergen." Er wartete ein paar Sekunden, hob fragend eine Augenbraue, dann zuckte er die Achseln und drehte sich um. Langsam goss er das Wasser aus, dann hielt er das Glas erneut in die Höhe und klopfte mit dem Fingerknöchel dagegen. "Ist es nicht erstaunlich, wie echt Kunststoff wirken kann? Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen, nicht wahr?" Sorgfältig trocknete er den Becher ab und stellte ihn zurück in den Schrank, den er anschließend wieder abschloss. Dann ließ er sich seufzend auf einem der Barhocker am Tresen nieder und streckte die Arme in die Höhe. "Das tut gut, sich endlich zu entspannen!" Entspannen? Dann wollte ich nicht wissen, was er machte, wenn ihm nach Aufregung zumute war. "Was macht dein Bein? Spürst du die Einstichstelle noch?" "Wo bin ich?" "Ah. Sie spricht." Er stützte den Ellenbogen auf den Tresen und verschränkte die Finger unter dem Kinn. "Das ist eine großartige Frage, Annie. Einfach ausgedrückt, hast du ein ziemliches Glück, Mädchen." "Ich halte es für keinen großen Glücksfall, entführt und unter Drogen gesetzt zu werden." "Manchmal ist das, was man für ein schlechtes Ereignis in seinem Leben hält, in Wirklichkeit ein besonders gutes Ereignis. Aber das merken die Menschen meistens erst, wenn sie die Alternativen kennen." "Alles wäre besser als das hier." "Alles, Annie? Selbst wenn die Alternative dazu, ein wenig Zeit mit einem netten Kerl wie mir zu verbringen, darin bestünde, auf dem Rückweg von der Besichtigung einen Unfall zu haben sagen wir, mit einer jungen Mutter, die gerade vom Einkaufen nach Hause kommt und eine ganze Familie umzubringen? Oder vielleicht auch nur eines ihrer Kinder, ihren Liebling?" Schlagartig musste ich an Mom denken, wie sie auf der Beerdigung meiner Schwester Daisy ihren Namen geschluchzt hatte. Kam dieser Widerling aus meiner Stadt? "Keine Antwort?" "Der Vergleich ist nicht fair. Sie wissen nicht, was mir vielleicht passiert wäre." "Siehst du, und da irrst du dich. Ich weiß es. Ich weiß genau, was mit Frauen wie dir geschieht." Ich musste ihn dazu bringen weiterzureden. Wenn ich herausfände, wie er tickte, könnte ich auch herausfinden, wie ich ihm entwischen konnte. "Frauen wie ich? Haben Sie vorher schon einmal jemanden wie mich getroffen?" Er ging nicht darauf ein. "Hattest du schon Gelegenheit, dich umzuschauen?" Lächelnd sah er sich in der Hütte um. "Ich finde, es ist ziemlich gut geworden." Ich versuchte es weiter. "Wenn irgendeine andere Frau Ihnen weh getan hat, dann tut es mir wirklich leid, ganz ehrlich, aber es ist nicht fair, mich dafür zu bestrafen. Ich habe Ihnen nie etwas getan." "Du glaubst, das hier sei eine Strafe?" Erstaunt riss er die Augen auf. "Sie können nicht einfach jemanden entführen und ihn wer weiß wohin bringen. Das können Sie doch nicht einfach machen!" Er lächelte. "Ich weise dich nur ungern auf das Offensichtliche hin, aber genau das habe ich getan. Sieh mal, wie wäre es, wenn ich ein paar Geheimnisse für dich lüfte. Wir sind auf einem Berg, in einer Hütte, die ich sorgfältig für uns ausgesucht habe. Ich habe mich um jedes Detail gekümmert, so dass du hier ganz sicher bist." Der Kerl entführt mich und erzählt mir anschließend, ich sei sicher? "Es hat etwas länger gedauert, als ich wollte aber während der Vorbereitungen habe ich dich nur umso besser kennengelernt. Ich würde sagen, ich habe die Zeit gut genutzt." "Allerdings. Ich habe Sie nie gesehen. Ist David Ihr richtiger Name?" "Gefällt dir David nicht?" Es war der Name meines Vaters, aber ich hatte nicht vor, ihm das zu sagen. Ich versuchte, meine Stimme ruhig und freundlich klingen zu lassen. "David ist ein schöner Name, aber ich glaube, Sie verwechseln mich mit irgendeiner anderen Frau. Warum lassen Sie mich nicht einfach gehen?" Langsam schüttelte er den Kopf. "Ich bringe hier gar nichts durcheinander, Annie. Im Gegenteil, noch nie in meinem Leben war ich mir meiner Sache so sicher." Er zog einen riesigen Schlüsselbund aus der Tasche, schloss einen der Küchenschränke auf, holte eine große Schachtel mit der Aufschrift "Annie" heraus und trug sie zum Bett. Er zog Flyer daraus hervor, alle von Häusern, die ich verkauft hatte. Auch ein paar Zeitungsannoncen waren darunter. Eine davon hielt er in die Höhe. Es war die Anzeige für die Open-House- Besichtigung. "Das hier ist die beste. Die Haunummer passt perfekt zu dem Datum, an dem ich dich das erste Mal sah." Dann reichte er mir einen Stapel Fotos. Sie zeigten mich, beim Morgenspaziergang mit Emma, auf dem Weg ins Büro, wie ich mir aus dem Eckladen einen Kaffee holte. Auf einem Bild hatte ich noch längere Haare und das Hemd, das ich darauf anhatte, besaß ich gar nicht mehr. Hatte er das Foto aus meinem Haus geklaut? Er wäre niemals an Emma vorbeigekommen, also musste er es aus meinem Büro gestohlen haben. Er nahm mir die Bilder aus der Hand, streckte sich auf dem Bett aus, stützte sich auf einen Ellenbogen und breitete die Fotos aus. "Du bist sehr fotogen." "Wie lange spionieren Sie mir schon nach?" "Ich würde es nicht nachspionieren nennen. Beobachten vielleicht. Ich habe mich nie der Illusion hingegeben, du könntest mich lieben, falls du dich fragst, ob ich ein typischer Stalker bin." "Ich bin sicher, dass Sie echt ein netter Kerl sind, aber ich habe bereits einen Freund. Es tut mir leid, wenn ich unbeabsichtigt irgendetwas getan habe, was Sie durcheinandergebracht hat, aber ich empfinde nicht auf die gleiche Weise wie Sie. Vielleicht können wir Freunde sein " Er lächelte mich freundlich an. "Du zwingst mich, mich zu wiederholen. Ich bin absolut nicht durcheinander. Ich weiß, dass Frauen wie du keine romantischen Gefühle für Männer wie mich entwickeln Frauen wie du sehen mich nicht einmal." Ich musste meine Taktik ändern. Ich verließ meine sichere Ecke, stand auf und baute mich vor ihm auf. "Hör zu, David oder wie immer du heißt , du musst mich gehen lassen." Er schwang die Beine vom Bett, setzte sich auf die Kante und sah mir gerade in die Augen. Ich beugte mich direkt über sein Gesicht. "Menschen werden nach mir suchen viele Menschen. Es wäre wesentlich besser für dich, wenn du mich auf der Stelle freilässt." Ich deutete mit dem Finger auf ihn. "Ich will dein krankes Spiel nicht mitspielen. Das ist verrückt. Du musst doch einsehen " Seine Hand schoss nach vorn und packte mein Gesicht so fest, dass es sich anfühlte, als rieben meine Zähne aufeinander. Stück für Stück zog er mich näher zu sich. Ich verlor das Gleichgewicht und saß praktisch auf seinem Schoß. Das Einzige, das mich aufrecht hielt, war seine Hand an meinem Kiefer. Mit vor Wut zitternder Stimme sagte er: "Sprich nie wieder in diesem Ton mit mir, hast du mich verstanden?" Er zwang meinen Kopf hoch und runter und verstärkte seinen Griff jedes Mal, wenn mein Gesicht unten war. Ich hatte das Gefühl, der Kiefer würde mir ausgerenkt. Er ließ mich los. "Sieh dich um! Glaubst du etwa, es war einfach, das alles so herzurichten? Meinst du, ich hätte nur mit den Fingern geschnippt, und alles war fertig?" Er packte meine Kostümjacke, zog mich nach unten und drückte mich auf das Bett. Die Adern an seiner Stirn traten hervor, und sein Gesicht lief rot an. Halb auf mir liegend, packte er meine Kehle und drückte zu. Aus funkelnden Augen starrte er mich an. Sie würden das Letzte sein, das ich sah, bevor ich starb. Um mich herum wurde es schwarz Dann war aller Zorn aus seinem Gesicht verschwunden. Er ließ mich los und küsste meine Kehle, die er noch vor wenigen Sekunden mit den Fingern umklammert hatte. "Warum zwingst du mich dazu, so etwas zu tun? Ich gebe mir so viel Mühe, Annie, wirklich, aber meine Geduld hat ihre Grenzen." Er strich mir übers Haar und lächelte. Ich schwieg und rührte mich nicht. Er erhob sich und ging davon. Aus dem Badezimmer hörte ich Wasser rauschen. Mit meinen Fotos um mich herum ausgebreitet starrte ich an die Decke. Mein Kiefer pochte. Tränen rannen mir aus den Augenwinkeln, aber ich wischte sie nicht fort. Als der Psycho aus dem Bad kam, hob er drohend den Finger, lächelte und sagte: "So, es ist Zeit, Annie." Er summte eine Melodie ich könnte nicht sagen, was es war, aber wenn ich sie noch einmal höre, muss ich kotzen und zog mich vom Bett hoch. Dann wirbelte er mich herum und warf mich über sein Knie. In einem Moment versuchte er, mir den Kiefer zu brechen, und in der nächsten Minute war er wie der bescheuerte Fred Astaire. Lachend zog er mich wieder hoch und führte mich ins Badezimmer. Teelichter flackerten auf der Ablage, und die Luft war erfüllt vom Geruch nach brennendem Wachs und Blumen. Das Wasser in der Badewanne dampfte, und darauf schwammen Rosenblätter. Mit diesem Riesenschlüsselbund öffnete er einen der Schränke und holte ein Rasiermesser heraus. Ein großes, altmodisches, megascharfes Rasiermesser. Ich konnte nicht aufhören, es anzustarren. Nicht einmal weinen konnte ich. Der Psycho hatte aufgehört zu summen. Er sah mich an, sein Lächeln war verschwunden. "Es ist Zeit, Annie." Zurück zur Übersicht |
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